Dienstag, 13. Oktober 2009
Die Korrektur SF-Story
hanif, 00:12h
Die Korrektur
Es war Zufall, dass ich davon gekommen bin. Ich war in großer Tiefe zur Zeit der Katastrophe. Eines der Endlager hatte Störungen gemeldet. Ich fuhr hinab und fand heraus, dass mehrere Fässer leckten. Eine Routinesache. Ich veranschlagte mehrere Tage für die Behebung des Defekts. Ich räumte die Fässer mit dem Gabelstapler um und verschloss alle Fässer mit einem neuartigen Kunststoff. Ich war dabei, noch einmal alles zu überprüfen, als die Erschütterungen selbst in dieser Tiefe zu spüren waren. Wir hatten es so kommen sehen. Wir gaben uns an dieser Entwicklung auch Mitschuld, da wir tatsächlich intelligent sind. Aber wir konnten es nicht aufhalten. Vermutlich lag es sogar an unserer Intelligenz. Wir erwarteten Einsicht und waren selber durch unsere Intelligenz zur Gewalt nicht fähig. „Wir müssen uns zur Gewalt zwingen“ schlug damals Arhat vor, „sonst läuft die Sache aus dem Ruder. Der Mensch ist nur bedingt für die Vernunft zugänglich!“ Arhat wurde von uns überstimmt.
Die Erschütterungen waren so gewaltig und zahlreich, dass ich gleich ahnte, was geschehen war. Es hatte keine Zweck nach oben zu gehen. Ich fand eine kleine Nische im Gestein, die für mich wie geschaffen war. Dort ließ ich mich nieder, stellte meine Zeituhr auf das Jahr 2130 ein und schaltete mich dann in einen Standby-Modus.
Ich erwachte wie aus einem langen Schlaf, wie ich es aus Beschreibungen von Menschen kannte, spürte, wie mein System sich langsam hoch fuhr und eine Funktion nach der anderen zugeschaltet wurde. Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, dass es kurz nach Sylvester in den ersten Sekunden im Jahre 2130 war. Ich ging zum Fahrstuhl. Bis auf ein paar herab gestürzte Gesteinsbrocken hatte das Endlager die Katastrophe überstanden. Der Fahrstuhl fuhr nicht mehr. Ich stieg auf das Kabinendach. Ich überprüfte das Stahlseil. Dann begann ich zu klettern. Ich hatte Zeit, niemand wartete auf mich.
Ich erreichte die Erdoberfläche am 17. Januar. Die letzten drei Tage war ich damit beschäftigt, den Schutt beiseite zu schaffen, ehe ich ins Freie treten konnte. Das Licht war diffus und die Sonne sah aus, als sei sie durch eine Milchglasscheibe verdeckt. Ich machte mich auf die Suche. Nach drei Jahren fruchtloser Suche traf ich auf ein Raumschiff. Es hatte die Maße eines Dorfes. Ich gab mich zu erkennen und sie öffneten die Schleuse für mich. An Bord waren Roboter der Human-Klasse. Sie sind im Gegensatz zu meiner Ausführung zur Gewalt fähig, wenn sie es für nötig halten. Sie führten mich in den Konferenzraum. Sie waren schon einige Zeit von einem Erkundungsflug zurück. „Wir wollten einen Planeten außerhalb des Sonnensystems mit Menschen besiedeln, doch sie erwiesen sich als zu aggressiv und nicht geeignet. Wir sind seit einiger Zeit dabei, den Menschen zurück zu züchten. Wir verfügen im Raumschiff schon über 100 Exemplare der neuen Version von ihnen. Wir haben bei ihnen den Daumen genetisch verkümmern lassen. Der Daumen war an allem Schuld. Ohne den Daumen sind die Menschen fast hilflos, aber auf jeden Fall unfähig zur Gewalt. Sie brauchen einander jetzt, um etwas aufzuheben, zu sammeln oder ein Werkzeug herzustellen. Schau auf die Monitore!“
Tatsächlich sah ich Menschen, die sich gegenseitig halfen, ihr Essen zu servieren oder beim Tragen Hand anlegten. Ihre Bewegungen mit den Händen wirkten unbeholfen. Doch das Ziel war erreicht: sie konnten jetzt auch noch ein Messer halten, aber nur um ihr Essen zu schneiden, aber nicht mehr so fest, um jemand anderen zu erstechen. Alles wirkte sehr friedfertig und harmonisch. „Wir starten in ein paar Tagen. Wir wollen nur aus einer unterirdischen Samenbank noch das Saatgut einiger Pflanzen holen, mit denen wir einen Planeten geeigneter für die Menschen machen können. Wir wollen auf dem neuen Planeten auch keine Tiere ansiedeln, denn dann fängt das Töten wieder an!“ Das Gebiet der Menschen war vom übrigen Raumschiff durch eine Kuppel aus durchsichtigen Kunststoll abgegrenzt. „Wenn du dir alles vor Ort anschauen möchtest, kannst du von oben einsteigen!“ schlugen sie mir vor. Schon am nächsten Tag machte ich von diesem Angebot Gebrauch. Als ich den Boden der künstlichen Menschenwelt erreicht hatte, schaute ich mich um. Es war wie ein riesiger Park angelegt. Überall gab es Bäume und Büsche, Blumen und Farne. Ein künstlicher Bach mit Trinkwasser plätscherte vorbei. Aber es gab keine Fische und auch keine Vögel. Dafür sah ich jedoch Bananenstauden, Sträucher mit Stachelbeeren und Birnenbäume. Ich traf auf eine Gruppe von Menschen, die im Kreise hockten und mit Würfeln spielten. Sie waren unbekleidet; die Temperatur in der Kuppel lag um 27 Grad. Die Menschen musterten mich nur flüchtig, als ich sie nickend im Vorbeigehen grüßte. Ich ging weiter und kam an ein Langhaus, wie es früher bei einigen Eingeborenenstämmen üblich war. Dort wohnten und schliefen alle zusammen. Es waren für meine Begriffe paradiesische Zustände für die Menschen hier geschaffen worden. Alles erinnerte mich an die Safari-Parks, in denen Menschen früher exotische Tier frei hielten. Bloß, dass sie jetzt selbst die Schauobjekte waren. So verhielt ich mich diskret und hatte meinen Rundgang fast abgeschlossen, als ich merkwürdige Geräusche hinter mannshohen Farnen hörte, die wie eine grüne Wand mir die Einsicht versperrte. Unauffällig erklomm ich den Stamm einer Birke so hoch, um hinter die Farne blicken zu können. Ich sah einen Mann, der eine Art Leinenbeutel in der Hand hielt, wie sie früher bei den Menschen zum Einkaufen in den Supermärkten gebraucht wurden. Urplötzlich begann er diesen Beutel an den Henkeln um seinen Kopf zu schleudern. Seine vier Finger reichten, um ihn halten zu können. Dann gab er ihn plötzlich frei und der Beutel flog mit seinem Inhalt gegen einen Baumstamm in etwa zehn Meter Entfernung, wo er mit einem dumpfen Knall aufschlug und die Rinde und das Holz splittern ließ. Ich hörte den Menschen triumphierend grunzen und zu dem getroffenen Baumstamm gehen. Ich nutzte diesen Augenblick, um mich vom Baumstamm gleiten zu lassen und in Richtung meines Ausgangs zu flüchten.
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